Moin, liebe Bullheads, Headbanger, Metal-Maniacs und Wackinger!
Plitsch, platsch ...
Wie? Was sehen unsere Schlaf verklebten Augen da? Grau und Niesel am Morgen? So geht das hier nicht. Und tatsächlich, die Sonne wird heraufbeschworen. Viele glauben, es liegt an der charmanten Charlotte Wessel, die mit Delain auf der Black Stage rockt. Andere bestehen darauf, dass die Chinesen Suffocated ein schönes Death/Thrash-Brett von der Party Stage ballern. Es ist zwar eher eine Minderheit, aber manche verweisen auf Santianos Seemannslieder auf der Wackinger Stage. Egal, wer jetzt verantwortlich sein mag, die Sonne kommt raus. Besser ist das.
Metaller sind hart im Nehmen. Auch nach zwei, drei Tagen Dauerfeier, Kackwetter und Musik rottet sich die riesige Meute schon früh vor den Bühnen zusammen, hebt die Arme und singt, schreit, brüllt oder grölt mit. Spaß muss sein. Es ist für jeden etwas dabei. Traditionalisten freuen sich über gut aufgelegte Gamma Ray und einen schmissigen Axel Rudi Pell bis dann die Bay Area Thrasher Testament den weichen Matschboden wie ein Erdbeben erschüttern. Chuck Billy for President! Vor den Verstärkern stehen hängen wie üblich große Banner, gleich dahinter weitere Plakate: „Free Randy“ steht da drauf. Gemeint ist natürlich Lamb Of God-Sänger Randy Blythe. Tiffany Billy, die Ehefrau des Brüllwürfels freut sich: „Bei der letzten Show haben wir das zum ersten Mal aufgehängt, jetzt ist er endlich frei. Klappt also!“ Wir freuen uns mit, ebenso über viele neue Songs im Set und nicht ganz so Erwartetes wie ‘D.N.R.’. Thrrrash! Die Harten im Garten bzw. noch Härteren bekommen dann von Napalm Death und Dauerläufer Barney Greenway einen Satz heißer Ohren verpasst wie abgrundtief gegurgelt von Six Feet Under.
Die Düsterfraktion soll auch nicht leer ausgehen. Paradise Lost gefällig? Wird geliefert. Moonspell legen noch einen drauf. Die Portugiesen spielen ihre akustische Show „Sombra“ mit faszinierenden Versionen ihrer Klassiker. Bei vielen herrscht erst Erstaunen über zusätzlich Celli, Perkussion und Sängerinnen auf der Bühne, doch dann braust der Beifall. Einmal mehr hat das W:O:A eine ganz besondere Show exklusiv präsentiert. Und auch Cradle Of Filth überzeugen. Aber warum sich die Engländer für „Nymphetamin“ nicht wie auf dem Album mit Liv Kristine verstärken, die hinter der Bühne steht, wird wohl ewig ihr Geheimnis bleiben.
Bis zum Nachmittag spielt das Wetter mit. Dann kommt der nächste Tiefschlag. Eine Gewitterfront zieht über dem Gelände auf und lädt Wassermassen ab. Die Folgen sind unangenehm. Der Boden kann trotz Drainage schon lange kein Wasser mehr aufnehmen, das heißt mehr Schlamm, mehr Pfützen und für eine Weile sogar ein Fahrverbot, um die Strecken wenigstens notdürftig zu präparieren und im Gefahrenfall ein Durchkommen für Rettungsfahrzeuge zu ermöglichen. Doppelt ärgerlich: die Pumpwagen schaffen es nicht mehr zu vielen Mobiltoiletten. Da kommt schon mal Dixie-Blues auf. Schöner Scheiß, aber echt nicht zu ändern. Dabei haben die Veranstalter tonnenweise Stroh und Mulch und ähnliches Zeug auf die Flächen transportiert. Trotzdem ist das bei Größe des Geländes wohl nicht zu 100 Prozent möglich. Fantastisch sind dagegen die Reaktionen der meisten Fans.:Entsprechend informiert zeigen sich die Meisten ebenso einsichtig wie umsichtig. Wenn die Alternative eine Absage der letzten Konzerte ist, ziehen Metaller eben ihre Musik vor und stapfen trotzig durch den Schlamm – wenn sie nicht ohnehin gleich fröhlich im Matsch suhlen. Spaß ist, wenn man ihn trotzdem hat.
Abends steht dann eine klassische Hard Rock-Keule an: Die Scorpions absolvieren in Wacken ihr offiziell letztes Open Air in Deutschland. Natürlich ist das Medieninteresse an den Herren groß, mehrere Fernsehteams und Dokumentationsfilmer scharen sich um die natürlich lederbosten und dauerbesonnenbrillten, aber sonst ebenso gut gelaunten wie professionellen Vorzeigerocker der Nation. Die Pressekonferenz im VIP-Bereich ist ebenso bumsvoll, der Sohn eines Journalisten wird sogar vorgeschickt, eine Frage für die Mama daheim zu stellen. Alle fünf Musiker sitzen vorne, aber natürlich sind es die drei Deutschen, die für die Band sprechen. Schenker verspricht: „We don‘t go into ze Altersheim!“ Na dann. Im „Artist Village“, in Wacken auch „die Kuhle“ genannt, begrüßt mancher Musikerkollege seine Vorbilder aus Hannover. Allen voran natürlich Rock-Fan Nummer Eins, Danko Jones, der zu seiner großen Freude vom Schenkerrudolf sogar namentlich begrüßt wird. Auch Filmemacher Detlev Buck läuft hier herum, gekleidet wie ein Landarzt aus englischen Serien. Ob er Scorpions-Fan genannt werden darf, ist allerdings nicht überliefert.
Später dann großer Auftrieb hinter Black Stage: Mädels mit futuristischen Bikinis und Schleifgeräten (ja, Schleifgeräten), die hektisch Stromadapter suchen, weil es sich offensichtlich um britische Schleifgeräte (ja, Schleifgeräte) handelt. Auch die Scorpions-Pyramide steht schon - aus Metall. Oha. Lassen wir uns mal überraschen. Schenker und Meine versprechen beim Gang auf die Bühne noch „Rock‘n‘Roll Forever“, und los geht‘s. Auf die Bühne laufen wir diesmal nicht, denn bei den Scorpions gibt es Pyros galore. Gleich mit dem Opener ‘Sting In The Stail’ knallt es ganz ordentlich. Soll aber auch so. Das „Moin Moin Wacken“ von Klaus Meine kommt auch ganz charmant, die englischen Ansagen aber... mh, man kann darüber streiten. Ebenso versteht es sich von selbst, dass der WOA-Backstage-Twitter mit jedem einzelnen Songtitel zugetextet wird. Bis es plötzlich bei ‘Tease Me, Please Me’ abbricht. Was it los? Dammbruch im oberen Atmosphärenbereich. Es regnet nicht mehr, sondern das Wasser scheint als Block von oben zu kommen. Angesagt war ein trockener Abend. Nicht einmal das Wlan spielt mit. Kurzum: Schon wieder Land unter in Wacken. Wir haben aber echt kein Glück. Mittlerweile sind die Flächen völlig im Eimer, da lässt sich nicht mehr viel retten auf die Schnelle und über Nacht. Gut, dass für morgen 25 Traktoren zum Rausschleppen bereit stehen. Man könnte auch wetten, dass sich die Scorpions ihr letzten Open Air auf deutschem Boden anders vorgestellt haben. Immerhin scheint ihnen der Regen völlig egal zu sein, Meine jedenfalls steht lieber vorne als unter Dach. Richtig so. Die Setlist besteht aus Hits, aber leider wenig Überraschungen, von ‘Rhythm Of Love’ vielleicht abgesehen. Erwartungs- und wunschgemäß bleiben die Balladen bis auf ‘Still Loving You’ zu Hause, aber statt des erneut überflüssigen Drumsolo hätten die Scorpions schon mal ein paar Schätzchen einbauen können. Die Pyros knallen weiterhin, und irgendwann kommen die Mädels mit den Schleifgeräten (echt jetzt: Schleifgeräte). Und die Scorpions-Pyramide aus Eisen. Daran wird dann rumgeschliffen (deshalb! Ha!), bis die Funken fliegen. Sieht ganz cool aus, ‘Coming Home’ dazu als Song geht auch, aber dann wird‘s bisschen komisch: Die Mädels schleifen sich mit den Schleifgeräten auf Stahlplatten im Schritt herum. Da fliegen auch Funken. Aber irgendwie wirkt das auch surreal und, jetzt hören wir uns mal altersweise an, ein bisschen gefährlich. Aber nun ja, kann man schon mal machen. Bei der letzten Open Air-Show in Deutschland, die standesgemäß mit einer durchaus schmetternden Version von ‘Rock You Like A Hurricane’ („Felse dich wie ein Wirbelsturm“) endet.
Und es schifft immer noch. Entsprechend voll ist es - nicht nur - an der Bar im VIP/Pressebereich. Nicht zuletzt, weil sie überdacht ist. Dort treffen wir Henjo Richter von Gamma Ray, nass bis auf die Haut und sehr gut gelaunt. Er will sich sogar bis zu Machine Head durchkämpfen, die auf der True Stage spielen. Also mittig im Felde. Anders formuliert: Es ist ein weiter Weg.
Das wiederum kann aber hilfreich sein: Lange Strecken durch den Matsch zu stiefeln, ist anstrengend. Wie Sport ein bisschen, und damit... tadaaa!... gesund! Wir nennen es den „Wacken Workout“. Könnt ihr auch der Mama erzählen, wenn sie euch nicht gehen lassen will. Das hier ist quasi ein Sportlercamp. Echt jetzt.
Henjo Richter erzählt später übrigens, dass sich das Workout bzw. der lange Weg gelohnt habe, denn Machine Head boten wieder wie gewohnt das volle Brett und die goldene Mitte zwischen Old School und New School. Das kommt in Wacken an.
Sauermann schwimmt derweil zu Schandmaul und fängt sich dafür einen äußerst kritischen Blick von Watains E. ein, der gerade kopfschüttelnd die Bühne inspiziert, um sein bald folgendes Flammenmeer vorzubereiten. Doch The Gün freut sich aber ebenso über die schönen Märchenstunden mit den Süddeutschen wie zehntausende Anhänger. Diese werden zwar komplett nass, lachen, tanzen und singen aber trotzdem munter weiter. Sänger Thomas Lindner, sonst nie um einen flotten Spruch verlegen, kommt sichtlich bewegt von der Bühne. Wacken hat eben die tollsten Fans.
Endspurt. Der verdammte (Zensur)-Regen hast sich wieder verpieselt. Die Veranstalter Holger Hübner und Thomas Jensen richten ihr traditionelles Grußwort an die Besucher, von denen immer noch überraschend viele auf dem Innenfeld stehen. Die ersten Bands für das W:O:A 2013 sind auch bereits angekündigt und sorgen für viel Freude: Deep Purple werden endlich „Smoke On The Water“ in Wacken erschallen lassen, womit im nächsten Jahr hoffentlich keine Pfützen auf den Wiesen gemeint sind. Über Nightwish freut sich sicherlich nicht nur Sauermann ungemein und weitere Hochkaräter sind mit Arch Enemy, Amorphis, Anthrax, Doro (zum 30. Jubiläum), Lingua Mortis & Rage, Sabaton, und Subway To Sally ebenfalls schon am Start. Wetten, dass die Tickets wieder ruckzuck weg sind? Der Vorverkauf startet heute um Mitternacht.
Vorher fackeln Schwarzheimer Watain aber nochmal die Bühne ab – zumindest sieht es so aus. Ihr Live-Bassist erklärt hinterher, sich nun definitiv knusprig zu fühlen: „So viel Flammen hatten wir noch nie“, meint Alvaro. „Ich bin gut durchgebraten.“ Gunnar Sauersatan wechselt zu seinen persönlichen Favoriten Winterfylleth. Die Engländer brillieren mit schwarzem Heidenmetall – trotz schwieriger Anreise: Nach stürmischer Nordseeüberfahrt platzte erst einmal ein Reifen, dann trafen die Engländer auf den gleichen Riesenstau, der leider schon Electric Wizard den Auftritt gekostet hat. Aber nun freuen sich, Winterfylleth vor dem verbliebenen Publikum in Wacken spielen zu dürfen, und vor der W.E.T. Stage gehen die Köpfe noch einmal rund. Nebenan auf der Headbanger Stage beschließen die Leningrad Cowboys gewohnt skurril das Fest.
Auf dem glitschigen Innenfeld rutschen nimmermüde Headbanger zum nicht mehr ganz so geheimen Überraschungskonzert von Edguy durch Schlamm und Pfützen. Scherzbold Tobias Sammet erweist sich als ideale Besetzung, um noch einmal die letzten Energiereserven anzuzapfen. Und dann ist Schluss. Der Abspann läuft. Die Rückreise hat begonnen. Schon bleiben Autos stecken, aber der Abschleppdienst oder hilfsbereite Nachbarn stehen bereit. Zeit für die Koje. Das Wacken 2013 ist Geschichte, zumindest das Programm. Jetzt erstmal noch ein Feierabendpilslein und: Gute Nacht! WACKÖÖN!
RAIN (definitiv zu viel davon ) OR SHINE (gab es aber auch)!
WOA Online Force
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