Wacken Stories: Uli Kruse

31.08.2018 Erstellt von Katharina Metag


In fast 30 Jahren W:O:A kommt einiges an Geschichten zusammen – ob abgefahren, herzerwärmend, hintergründig oder einfach lustig. Diese Geschichten haben wir gesammelt und dazu mit den Leuten gesprochen, die auf oder neben dem „Wacken Holy Ground“ leben, arbeiten und feiern. Ihre Erlebnisse zeigen den besonderen Geist des Festivals, deshalb viel Spaß mit besonderen Anekdoten, die es nicht überall gibt: Hier sind die „Wacken Stories“!
Uli Kruse (ehrenamtlicher Chef-Seelsorger, Klassik-Fan, Motorradfahrer)
„Mit Freaks hatte ich auch vor Wacken schon zu tun.“

Uli Kruse und seine Kollegen hatten 2009 erstmalig ihr Seelsorger-Zelt beim W:O:A aufgeschlagen, als der erste Haltsuchende kam. Eigentlich brauchte er nur einen großen Nagel. Dann blieb er hängen und schlug am Ende einen neuen Weg ein.

„Der Mann war mehr als 30 Minuten gelaufen und wollte zur Feuerwehr, aber wir konnten auch helfen. Wir hatten Nägel, die lagen bei uns rum, er hat das gesehen. Nach zwei Stunden kam er dann nochmal zurück und bedankte sich für die Hilfe. Am nächsten Morgen stand er wieder bei uns und begann zu erzählen: Stress mit der Ex, Sorgerechtsstreit, Alkoholprobleme, gerade den Job verloren. Wir haben dann fast jeden Tag geredet.

Mit acht Leuten haben wir damals angefangen, heute sind wir 20 ehrenamtliche Mitarbeiter, darunter Pastorinnen, Pastoren, Psychotherapeuten, Sozialarbeiter, Erzieher und Studierende, zehn Männer und zehn Frauen zwischen 25 und 72 Jahren. Wir arbeiten in Vier-Stunden-Schichten, zweimal am Tag, von Dienstagvormittag bis Sonntagmittag.

Die Problemlagen sind vielfältig. Da geht es um Ängste, Überforderungen, Probleme in der Schule oder am Arbeitsplatz, Verlust, Trauer, Depressionen, Suchtprobleme, Gewaltopfer und Verwirrte. Aber diese Probleme entstehen nicht in Wacken, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer kommen damit aufs W:O:A. Im Alltag fehlt ihnen oft die Zeit, darüber zu sprechen, hier haben sie sie dann plötzlich – und Konflikte brechen heraus.

Als psychologischer Psychotherapeut hatte ich auch vor Wacken mit Freaks aus der Szene zu tun. Ich war immer wieder auf verschiedenen Veranstaltungen, auch hinter der Bühne. Es gibt aus meiner Erfahrung kein Festival in Deutschland, dass so friedlich läuft. Ausufernden Drogenkonsum, schwere Kriminalität, Gewaltexzesse – so etwas gibt es hier nicht. Hardcore ist nur der Geräuschpegel: Wir sitzen direkt am Infield, bei Polizei und Rettungsdienst. Wenn ich mich nach dem W:O:A aufs Motorrad setzte, genieße ich erstmal den Helm auf dem Kopf, das Abgeschirmtsein, und zu Hause lege ich ein Klavierkonzert auf. Ich brauche dann zwei Tage, um wieder alles zu hören. Aber trotz der Erschöpfung lohnt es sich immer wieder.

Mein Besucher von unserem ersten W:O:A kommt seither jedes Jahr, um zu reden und sich zu bedanken. Inzwischen hat er umgeschult, einen neuen Job, guten Kontakt zur Ex und sieht seinen Sohn regelmäßig. Der Nagel war übrigens ganz praxisorientiert für ein loses Brett am Boden seiner Zeltkonstruktion – aber auch gut für das Einschlagen eines neuen Lebensweges.

Ulis Wunsch fürs 30. W:O:A, wenn alles möglich wäre:
„Apocalyptica: ganz wunderbare Musik. Und weil ich auf gute Blödelmusik stehe: Torfrock. Ich habe alle Platten von denen.“

Katharina Metag

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