W:O:A Bericht von FAZ.NET | W:O:A - Wacken Open Air
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Erstellt von Wacken-Helge

W:O:A Bericht von FAZ.NET

Liebe Metalheadz,

 

Das Onlinemagzine von Frankfurter Allgemeine FAZ.NET hat einen Bericht über W:O:A 2005 online gestellt.

 

Hier könnt ihr den Bericht samt Bilder lesen: W:O:A Bericht FAZ.NET

 

Quelle: FAZ.NET

Bericht von Peter Badenhop

 

"„Wacken Open Air”

Wo Metaller Polonaise tanzen

Von Peter Badenhop

 

06. August 2005 Regen. Immer wieder Regen. Die ganze Gegend hat sich inzwischen in eine einzige Schlammlandschaft verwandelt. Die ersten Leute sind inzwischen mürbe - oder besser vollkommen durchweicht.

 

Im Meer der Zelte, das sich rund um das Festivalgelände erstreckt, tun sich am Samstag morgen schon einige Lücken auf. Auch Heavy-Metal-Fans halten nicht alles durch. Zumindest nicht alle, und so machen sie sich früher als geplant auf den Weg nach Hause, während der Rest ausharrt und hofft, daß es wenigstens die letzten Stunden einigermaßen trocken bleibt.

30.000 Besucher, weitgehend in Einheitskluft

 

Der Rest, das sind immer noch mehr als 30.000, die das Dorf Wacken in den Ausnahmezustande versetzten. Seit mehr als 15 Jahren kommen sie in die holsteinische Provinz. Immer am ersten Augustwochenende überschwemmen sie die kaum 2000 Einwohner zählende Gemeinde. Wacken steht inzwischen für eines der größten „Heavy Metal”-Festivals in Europa. Für viele in der martialischen Szene ist Wacken so etwas wie ein Wallfahrtsort. Aus ganz Europa reisen sie in Bussen oder im eigenen Auto an, vor allem aus Skandinavien, aber auch aus Holland, Belgien, Frankreich, Italien und Spanien zieht es die in ihrer Mehrzahl männlichen „Metaller” auf das Gelände am Rande des Dorfes. Einige wenige fliegen sogar aus Amerika, Mexiko, Japan und Brasilien ein.

 

Drei Tage lang Frikadellen

 

Am Rande des Dorfes liegen die Zeltplätze. Zelte, Autos, Wohnmobile und Campingbusse, soweit das Auge reicht. Hier und da flattern Fahnen im Wind, und überall dröhnt die Musik. Manche lassen ihre Autoradios laufen, bis die Batterien ihren Geist aufgeben. Andere trinken zum Frühstück ihr erstes Bier und nehmen außer ein paar Frikadellen und Riesen-Hot-dogs drei Tage lang so gut wie nichts zu sich. Wieder andere haben ganze Transporter mit Material mitgebracht und richten sich auf den abgeernteten Feldern häuslich ein - so gut das bei dem Regen in diesem Jahr geht.

Die Mehrzahl der Metaller ist männlich - doch die Damen dürfen in der ersten Reihe stehen

 

Am Donnerstag, dem ersten Festivaltag, schiebt sich eine nicht enden wollende Schlange von Autos und Leuten langsam die Hauptstraße entlang Richtung Zeltplatz. Als die erste Band des Festivals - „Tristania” aus Norwegen - gegen Abend die Bühne betritt, ist noch lange kein Ende des Stroms abzusehen, und vom Regen sieht man auch noch nichts. Schwarze T-Shirts, schwarze Lederhosen, Nietenarmbänder, die Arme tätowiert, die Haare schulterlang: Besonders vertrauenerweckend sehen die Festivalbesucher nicht aus - zumindest nicht für die meisten Dorfbewohner.

 

Der Bürgermeister schwärmt

 

Doch wen man auch fragt: Niemand kann über die jungen Leute etwas Nachteiliges sagen. Im Gegenteil: Der Bürgermeister, die Gastwirte und die Ladenbesitzer schwärmen von den „ordentlichen Leuten” und von der durch und durch professionellen Festivalorganisation, den vielen Ordnern und davon, daß „der Jensen und der Hübner” die nötige Bodenhaftung hätten. Daß die große Akzeptanz im Dorf ihr größter Trumpf ist, das wissen auch die Veranstalter. Irgendwann Ende der achtziger Jahre hatten Holger Hübner und Thomas Jensen die Idee. Mit ein paar Dutzend Freunden und Bekannten veranstalteten sie im Sommer 1989 ein kleines Open-air-Konzert ein paar hundert Meter außerhalb des Ortes. Im Jahr darauf kamen ein paar hundert Leute, dann irgendwann ein paar tausend. „Heute haben wir mit 30.000 die absolute Grenze erreicht”, sagt der 39 Jahre alte Hübner.

Ritterlich: Sänger Tony Kakko von "Sonata Arctica"

 

Vor allem in der Anfangszeit habe es ab und an Ärger mit den Anwohnern und den Geschäftsinhabern gegeben. Doch inzwischen haben die Wackener ihren Frieden mit den „Metallern” gemacht. Die Sache mit dem Müll und dem Schmutz hätten die Organisatoren gut im Griff, hört man überall. Nur den Krach von den vier Bühnen, den hört man von morgens um elf bis nachts um drei natürlich überall in der Gegend. „Metaller” sind ebenso konservativ wie ihre Musik. Keine großen Experimente: Was vor zwanzig Jahren gerockt hat, rockt heute auch noch, lautet das Motto. Die Moden der Zeit gehen an vielen Fans und Gruppen - fast - spurlos vorüber. Die Szene ist groß, führt aber ein Nischendasein.

 

Ein Wald von Subgenres

 

In der „normalen” Medienwelt findet Heavy Metal nicht statt, weder im Radio noch im Fernsehen. Selbst die Musiksender MTV und Viva widmen ihm nur zweit- und drittklassige Sendeplätze. Beim W.O.A. in Wacken kommt dagegen der „Heavy Metal” in seiner ganzen Vielfalt zu seinem Recht. Was vor einem Vierteljahrhundert als große Welle des Schwermetalls vor allem aus Großbritannien anrollte und - trotz der großen Zahl der Gruppen - noch als mehr oder weniger homogene Stilrichtung zu erkennen war, hat sich seither inzwischen zu einem unübersichtlichen Wald von Subgenres verästelt: Speed, Grind, Death, Black, Trash, Industrial und Power Metal, Hardrock, Powerrock, Indie-Rock und zig andere Varianten. In Wacken sind sie alle vertreten, von Traditionalisten wie „Accept” über klassische „Trasher” wie „Kreator” bis zu den etwas kuriosen Cello-Metallern von „Apocalyptica”. Insgesamt spielen etwa siebzig Bands auf vier Bühnen.

Organisatorin Sheree Hesse mit einem Festivalposter

 

Besonders tumultuös geht es vor den beiden Hauptbühnen, der „Black Stage” und der „True Metal Stage” zu. „Crowd-Surfing” ist dort Volkssport, auch wenn die Nässe und der Schlamm das Vergnügen in diesem Jahr etwas eindämmen. Dutzende Zuschauer schwingen sich trotzdem ein ums andere Mal aus der rasenden Menge empor, breiten Arme und Beine aus, lassen sich auf Händen Richtung Bühne getragen, genießen den manchmal minutenlangen Ritt und lassen sich schließlich von den wenig zimperlichen Ordnern über das vordere Absperrgitter zerren.

 

Symbol der Verbrüderung

 

Am Samstag gucken sich dann die Einheimischen das Spektakel an: Alle Wackener und die Einwohner der umliegenden Gemeinden haben dann traditionell freien Eintritt auf das Festivalgelände. Dieser Tag der Begegnung - endlich ist auch mal wieder die Sonne zu sehen - ist so etwas wie das Symbol der Verbrüderung der langhaarigen Horden mit der bäuerlichen Urbevölkerung; ein weiteres ist der Musikzug. Die Blaskapelle der Freiwilligen Feuerwehr Wacken ist inzwischen jedes Jahr dabei.

 

Als „W.O.A.-Firefighters” haben sie schon am Mittwoch abend zur Eröffnung des Biergartens am Rande des Festivalgeländes gespielt. Und am Samstag rücken sie erst zum Frühschoppen und schließlich nachts um drei zum großen Festivalabschluß an. Mit Onkel Tom Angelripper, alias „Sodom”-Sänger Thomas Such, spielen sie deutsches Liedgut - und wie immer dauert es keine Viertelstunde, bis das Metal-Volk in Schunkellaune gerät, auf die Tische steigt, im Sprechchor ein Querflöten-Solo fordert und schließlich Polonaise tanzt. Das können auch Schlamm und Regen nicht verhindern."